Dr. Silke Beisiegel
Diplom-Restauratorin für Ihre Gemälde, Rahmen und gefassten Holzskulpturen



BeisiegeLOG: Maltechnik & Restaurierung im Detail


Wie sind Gemälde und Skulpturen entstanden und welche Spuren helfen, den Werkprozess zu entschlüsseln? Wie können Kunstwerke erhalten werden?

In meinem Blog gebe ich Einblicke in die kunsttechnologische Forschung sowie in die Konservierung und Restaurierung von Gemälden und gefassten Holzskulpturen. Dabei geht es sowohl um technische Untersuchungen als auch um praktische Herausforderungen.


Die Beiträge beleuchten für Kunstinteressierte Fragen rund um Materialien und deren Verwendung in Kunstwerken sowie deren Erhaltung.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ergänzend wird für alle, die mehr über das Thema wissen möchten, auf weiterführende Fachliteratur, digitale Publikationen und Datenbanken verwi
esen.

 

Stilisierte Darstellung des Blicks durch das Mikroskop: runder Auschnitt zeigt Gemäldedetail



Willkommen bei BeisiegeLOG!

Ich bin promovierte Restauratorin für Gemälde und gefasste Holzskulpturen mit einem Faible für maltechnische Details und die Kunst um 1900.
In meinem Blog verbinde ich Forschung und Praxis – mal sachlich, mal mit einem Augenzwinkern.

Denn die Freude an der Kunst und ihrer Erhaltung begleitet mich durch alle Projekte.


Alle Blogartikel im Überblick: Hier geht es zum Blog-Inhaltsverzeichnis.



Beiträge zu Maltechnik & Restaurierung im Detail

Der nächste Beitrag in diesem Blog erscheint voraussichtlich am 06.10.2025.




2025-08-29

Bildträger für Ölstudien um 1900 – Beispiele aus einem Künstlernachlass

Wie lassen sich undatierte Ölstudien aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert besser einordnen? In einem Künstlernachlass liefern die Rückseiten der Werke Hinweise auf die verwendeten Materialien, die Bezugsorte und die möglichen Entstehungszeiten. Der Nachlass von Hermann Prell wurde im Rahmen mehrerer eigener Projekte untersucht, seine Konservierung war bereits Thema eines früheren Blogbeitrags. Unter den 405 Ölstudien im Dresdner Albertinum lassen sich bei 16 Kunstwerken Stempel oder Aufkleber von Lieferanten und Herstellern nachweisen. Diese Hinweise sind für die kunsttechnologische Forschung von Interesse. Sie erlauben Rückschlüsse auf die Materialverfügbarkeit und die Kaufgewohnheiten um 1900 und können zur Datierung der Werke beitragen.
 
Textilbezogene Malpappe
Etwa ein Drittel der Ölstudien entstand auf mit vorgrundierter Leinwand beklebter Pappe. Neun dieser Bildträger tragen den Stempel von „Emil Geller Nachf. Hoflieferant“ aus Dresden. Die Firma bestand von 1862 bis 1935 und wurde 1900/01 zum Hoflieferanten ernannt. Hermann Prell und andere in Dresden lebende Künstler kauften dort ihren Malbedarf ein.
Sophie Prell malte eine undatierte Ölskizze auf eine textilbezogene Malpappe mit einem Stempel der Firma „Kunst- & Zeichnen-Materialien- Handlung C. Hulbe Hof-Lieferant“ in Kiel. Das Geschäft ist zwischen 1872 und 1919 in Adressbüchern verzeichnet und führte den Titel „Hoflieferant“ erst ab 1884. Sophies Eltern lebten in Kiel, wo sie zu Besuch war und malte, wie für die Jahre 1891 und 1894 dokumentiert.
Hermann Prells Ölskizze für seine Wandmalereien im Hildesheimer Rathaus ist signiert und auf das Jahr 1890 datiert. Auf der Rückseite befindet sich ein Stempel des Händlers „Kunath & Maass Berlin“, der nur im Adressbuch von 1891 nachweisbar ist.

Malpappe
Eine vorgrundierte Malpappe in der Sammlung trägt ein Etikett, das eine Zusammenarbeit zwischen den Ernsthofener Amphibolin-Werken von Ad. Hamann und der Künstlerfarben-Fabrik von G. Scheller & Co. Braunschweig als Lizenzvertrieb dokumentiert. Prell erwarb sie in Berlin bei dem Händler „Petersson Künstler-Magazin“, wie ein Stempel beweist. Die Ölskizze signierte er mit „Laboe 1886“. Ein Archivar konnte die Herstellung jedoch auf die Zeit zwischen 1894 und 1903 eingrenzen. Möglicherweise entstand sie 1896 oder 1901 in Laboe.

Pappe
Eine Pappe mit dem Stempel der Künstlerbedarfshandlung Wittmann in Dachau lässt sich ebenfalls zeitlich einordnen. Maria Wittmann übernahm die Firma nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1883 und leitete sie bis 1910. Anschließend verlegte ihr Sohn das Büro 1910/11 in die auf dem Stempel genannte Straße. Zwar hat Hermann Prell die Ölskizze nicht datiert, doch der Stempel liefert einen terminus post quem.
 
Leinwand
Für eine kleine Studie verwendete Prell ein Stück vorgrundierte Leinwand und vermerkte darauf „Schutzmann Kreidegrund“. Der Bildträger wurde aus einer mit Kreidegrund versehenen Leinwand der Firma August Schutzmann in München geschnitten, die mindestens seit 1890 unter der Bezeichnung „Victoria-Leinen“ angeboten wurde. 

Holztafel
Eine unsignierte Ölstudie auf Holz stammt von der Firma „Kunst-Materialien Magazin und Papierhandlung Spielhagen & Co. Berlin“, die mindestens von 1877 bis 1893 in Adressbüchern verzeichnet ist. Die Holztafel weist einen weißen Grund und einen rückseitigen Überzug auf, die beide möglicherweise werkseitig aufgetragen wurden.
Auf der Rückseite einer ungrundierten Tafel befindet sich ein Etikett der Firma Lefranc & Cie. von einem ihrer Lieferanten in Florenz. Hermann Prell bemalte die Tafel wahrscheinlich 1901 während seines Aufenthalts in Portovenere.
Vor ihrer Heirat unternahm Sophie Prell (geb. Sthamer) 1883 eine Studienreise nach Capri. Sie verwendete eine kleine Tafel mit dem Schlagstempel „Trama“. Der Schlagstempel könnte auf einen Hersteller und/oder Händler hinweisen. Auktionshäuser dokumentierten Aufkleber des Kunsthändlers Emiddio Trama aus Capri, der eventuell auch Künstlerbedarf anbot.
Die Beispiele zeigen, dass Bildträger nicht nur technische, sondern auch historische Informationen transportieren können. Wer undatierte Werke zeitlich genauer einordnen möchte, findet auf den Rückseiten möglicherweise wichtige Spuren.

Literatur: Silke Beisiegel: „Ich verfolgte damals alle malerischen Mittel“ Kunsttechnologische Forschungen zum Werk des Historienmalers Hermann Prell (1854–1922), online↗.

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Silke Beisiegel - 17:29 @ Material und Technik, Untersuchung


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