2025-09-28
Im 19. Jahrhundert inspirierte die Diskussion um die antike Polychromie die Kunstwelt. Die Künstler*innen beschäftigte nicht nur die Form, sondern auch die Wirkung des Materials und die Frage, inwieweit die Farbigkeit von Bildwerken als künstlerisch zu werten sei.
In diesem sogenannten Polychromiestreit standen sich verschiedene Positionen gegenüber, die sich auch im Schaffen von Hermann Prell widerspiegeln. Zu Beginn seiner Karriere bemalte der Künstler unter dem Einfluss seines Mentors Hans von Marées sowie der sogenannten Deutsch-Römer Skulpturen farbig. Auch sein Freund Max Klinger experimentierte mit Polychromie, beispielsweise bei seinen Entwürfen sowie seinen Skulpturen aus verschiedenfarbigen Gesteinsarten und Bronze.
Um 1900 begann Prell allerdings, den Einsatz bunter Farben zu reduzieren. Er bevorzugte edle Materialien wie Marmor und Bronze und hielt seine Überlegungen zur Oberflächengestaltung schriftlich fest. Diese Notizen geben interessante Einblicke in seinen Wandel vom farbigen Auftrag zu einer materialbetonten Gestaltung. Die Ausstattung des Dresdner Treppenhauses illustriert diesen Übergang und zeigt zugleich die Bedeutung dieser Debatte für Prells Werk. Damals beherbergte das Gebäude die Skulpturensammlung, zu der das Treppenhaus führte. Prells Antrag auf eine Kostenerhöhung wurde bewilligt, da „der wirklich unvergleichlichen Vornehmheit des Ortes geboten erscheint, dass durchgängig nur beste Arbeit und echtes Material gewählt werde.“ Das Dresdner Treppenhaus nimmt eine besondere Stellung in Prells Schaffen ein, da er hier nahezu ungehindert seine Ideen umsetzen konnte.
Treppenhaus im Dresdner Albertinum
Hermann Prell gestaltete das Treppenhaus im Dresdner Albertinum mit Wand- und Deckenmalereien sowie Skulpturenschmuck als Gesamtkunstwerk. Die Darstellungen thematisierten Motive der griechischen Mythologie. Während er die Malereien selbst ausführte, entstanden zwei Marmorskulpturen und zwei Bronzereliefs nach seinen Entwürfen. Sie waren fester Bestandteil der Raumgestaltung und wurden farblich auf die Gesamtwirkung abgestimmt. Ergänzt wurden diese Werke durch Stuckmarmor und vergoldete Elemente, welche den Eindruck edler Materialien noch verstärkten. Prell betonte selbst: „Wo nicht echtes Material vorhanden sein kann, muß dessen Wirkung hervorgerufen werden.“ Daher plante er, auch Gipsabgüsse antiker Skulpturen in die Gestaltung zu integrieren – allerdings so gefasst, dass sie Marmor oder Bronze imitierten.
Gestaltung mit Gipsabgüssen antiker Skulpturen
Durch die Abformung antiker Skulpturen bzw. bereits vorhandener Gipsabgüsse entstand eine mehrteilige Form, mit deren Hilfe Nachbildungen in Gips gegossen und anschließend farbig gefasst werden konnten. Die Gipsabgüsse für das Albertinum entstanden 1903/04 in der Museumsformerei. Ihre Fassung sollte wertvolle Materialien wie Marmor und Bronze nachahmen, denn Hermann Prell war überzeugt, dass die Materialwahl der Erhabenheit des Museums entsprechen müsse. Mit Blick auf den finanziellen Rahmen konnte er so seine gestalterische Idee umsetzen und die Nachbildungen antiker Skulpturen in das Konzept integrieren. Die gefassten Gipsabgüsse schmückten die von Prell gestaltete Vorhalle im zweiten Obergeschoss des Treppenhauses.
Zerstörung und erhaltene Fragmente
Die Treppenhausausstattung wurde während des Zweiten Weltkriegs nahezu vollständig zerstört. Neben den beiden Bronzereliefs sind auch einige der Gipsabgüsse erhalten geblieben. Für das Verständnis von Prells Werk war die Auseinandersetzung mit den Fragmenten im Abgleich mit den Schriftquellen umso wichtiger. Die Untersuchung der bronzeimitierenden Fassung eines Gipsabgusses ergab zwei gelbe Schichten, auf denen mithilfe eines Anlegemittels das goldfarbene Blattmetall haftet. Dieses Ergebnis zeigt Parallelen zu Prells Notizen sowie zu gängigen Fasstechniken jener Zeit. Solche kunsttechnologischen Einblicke ermöglichen in Verbindung mit anderen Quellen eine nachvollziehbare Rekonstruktion der Treppenhausgestaltung, trotz der Verluste.
Doch wie sind die Gipsabgüsse selbst zu bewerten? Sind sie als Teil von Prells Gestaltung nun Originale geworden, die Einblick in die Fasstechnik um 1900 bieten? Oder bleiben sie Kopien, beinahe Serienprodukte, deren Oberfläche ein edleres Material vortäuscht? Als Restauratorin tendiere ich dazu, die Besonderheit der Werke zu betonen.
Literatur: Silke Beisiegel: „Ich verfolgte damals alle malerischen Mittel“ Kunsttechnologische Forschungen zum Werk des Historienmalers Hermann Prell (1854–1922), online↗.

Silke Beisiegel - 20:51 @ Material und Technik, Bildwerke